Anthropic hat am 14. Juli sein Bildungsprogramm Claude for Teachers gestartet. Verifizierte Lehrkräfte an US-Schulen bekommen ein Jahr lang kostenlos Zugang zu den Premium-Funktionen des KI-Assistenten Claude. Der Schritt bringt einen vierten großen Anbieter in den Wettlauf um die Klassenzimmer. An der Börse gaben Aktien klassischer Bildungsanbieter noch am selben Tag nach.
Was Claude for Teachers bietet
Das Programm richtet sich an verifizierte Lehrkräfte an US-Schulen. Der Begriff K-12 steht dort für die Schuljahre vom Kindergarten bis zur zwölften Klasse. Wer sich als Lehrkraft ausweist, nutzt ein Jahr lang die kostenpflichtigen Pro-Funktionen von Claude. Dazu gehören die Programmierumgebung Claude Code und der Arbeitsassistent Claude Cowork. Der Anmeldeschluss ist der 30. Juni 2027.
Das Herzstück ist die Anbindung an Learning Commons. Diese gemeinnützige Initiative entstand 2025 aus zehn Jahren Lernforschung der Chan Zuckerberg Initiative. Über einen sogenannten Knowledge-Graph-Connector liefert sie die Lehrpläne aller 50 US-Bundesstaaten. Er verknüpft die geforderten Standards mit den dahinterliegenden Kompetenzen und typischen Lernreihenfolgen. Learning Commons begründet den Ansatz damit, dass KI-Werkzeuge in gesichertem Lernwissen verankert sein müssten. Anthropic und Learning Commons entwickelten dazu zwei Agent Skills. Ein Skill ist eine vordefinierte Fähigkeit, die Claude für eine bestimmte Aufgabe abruft. Der erste plant Unterricht, der zweite passt Aufgaben an den Leistungsstand einzelner Schüler an.
Hinzu kommen neun weitere Integrationen mit EdTech-Werkzeugen wie ASSISTments, Brisk Teaching und Canva Education. Die Skills und die Bewertungsrubriken stellt Anthropic zusätzlich offen auf GitHub bereit.
Datenschutz und die Frage nach den Schülerdaten
Beim Datenschutz macht Anthropic mehrere Zusagen. Daten, die Lehrkräfte über Claude for Teachers teilen, fließen nicht in das Training der Modelle. Schülerdaten schützt ein eigenes Zusatzabkommen, das auf die Vorgaben des US-Bildungsdatenschutzgesetzes FERPA ausgelegt ist. FERPA regelt in den USA, wer auf Bildungsakten von Schülern zugreifen darf. Gemeinsam mit der Lehrergewerkschaft American Federation of Teachers arbeitet Anthropic an einem Gold Standard für Sicherheit und Datenschutz in Schulen.
Randi Weingarten, Präsidentin der American Federation of Teachers, stützt den Ansatz. „Es ist wichtig, dass Anthropic sich in Claude for Teachers zu diesen Prinzipien bekennt. Das Werkzeug wurde von und für Lehrkräfte gestaltet“, sagte sie sinngemäß. Laut Berichten hatte Weingarten kurz zuvor ein Verbot von KI für Schüler in Grundschulklassen gefordert. Ihre Unterstützung gilt also der KI als Werkzeug für Lehrkräfte, nicht dem direkten Einsatz bei jüngeren Kindern.
Warum Anthropic auf Lehrkräfte zielt
Anthropic begründet den Zuschnitt mit der Arbeitsbelastung im Lehrerberuf. Drew Bent, bei Anthropic für den Bildungsbereich zuständig, verweist auf die Forschung zu wirksamem Unterricht. Hochwertige Materialien, laufende Lernkontrollen und individuell angepasste Aufgaben gelten dort als besonders wirksam. Bei 30 Kindern pro Klasse sei das kaum vollständig zu leisten, so Bent. Zahlen stützen die Belastungsthese. Nach einer RAND-Auswertung arbeiten US-Lehrkräfte im Schnitt 49 Stunden pro Woche. Vertraglich vorgesehen sind 39 Stunden, also zehn unbezahlte Stunden wöchentlich. Eine Erhebung von Gallup und der Walton Family Foundation nennt für KI-Nutzer eine Zeitersparnis von 5,9 Stunden pro Woche.
Die Nutzung von KI im Kollegium wächst rasch. Laut Education Week setzten 2025 rund 61 Prozent der befragten Lehrkräfte KI in irgendeiner Form ein. Ein Jahr zuvor waren es 32 Prozent.
Claude for Teachers im Wettlauf der Anbieter
Mit dem Start reiht sich Anthropic hinter drei Konkurrenten ein. OpenAI brachte im November 2025 ChatGPT for Teachers heraus, kostenlos bis Juni 2027. Google rüstet über eine Vereinbarung mit dem Bundesstaat Utah alle dortigen Schulen mit Gemini for Education aus. Der landesweite Start erreicht ab dem Schuljahr 2026/2027 über 708.000 Schüler und Lehrkräfte. Microsoft ist mit Elevate for Educators im selben Markt aktiv. Anthropic prüft den Einsatz zudem in einem Pilotprogramm mit dem Schulbezirk Detroit im kommenden Schuljahr.
Die Börse reagierte sofort. Die Aktie von Stride, einem Anbieter für Online-Bildung, verlor am 14. Juli 5,6 Prozent. Im Tagesverlauf fiel sie zeitweise um 7,7 Prozent. Es war der größte Tagesverlust seit Mitte Juni, als Stride nach dem Verlust eines Schulbezirks-Vertrags in Texas einbrach. Auch Duolingo und McGraw Hill gaben nach, während Coursera leicht zulegte.
Kritik an der KI im Klassenzimmer
Nicht alle sehen das Angebot positiv. Daniel Buck, Research Fellow am American Enterprise Institute, warnt vor den Folgen. Übergäben Lehrkräfte ihre Arbeit an die KI, sei mit Schäden zu rechnen. „Wundern Sie sich nicht, wenn Klassengemeinschaft und Lernergebnisse rapide verfallen“, sagte er sinngemäß. Ob Claude for Teachers Produkte wie Stride wirklich verdrängen könne, sei noch offen, ordnete eine Bloomberg-Analystin ein. Sie verwies zugleich auf technische Probleme bei Stride selbst.
Auch offene Fragen bleiben. Unklar ist, was der Zugang nach Ablauf der Gratisphase kosten wird. Kritiker verweisen zudem auf ungleiche Chancen, da Lehrkräfte in wohlhabenden Bezirken häufiger für KI geschult werden als in ärmeren. Ob die versprochene Zeitersparnis real eintritt oder durch neue Verwaltungsaufgaben aufgezehrt wird, ist ebenfalls offen.
Was der Start für Bildungsanbieter bedeutet
Für Unternehmen im Bildungsmarkt verschiebt der Start die Kräfteverhältnisse. Vier finanzstarke KI-Anbieter drängen mit kostenlosen Angeboten in die Schulen. Klassische Anbieter von Lernsoftware und Nachhilfe geraten unter Druck, wie die Kursverluste am Starttag zeigen. Wer Bildungsprodukte verkauft, sollte den eigenen Mehrwert gegenüber freien KI-Assistenten neu prüfen. Die Gratisphase bindet Lehrkräfte zudem an ein Ökosystem, dessen späterer Preis noch nicht feststeht. Diese Unsicherheit gehört in jede Beschaffungsentscheidung von Schulträgern.
Wie sich der Einsatz auswirkt, soll das Pilotprogramm in Detroit im kommenden Schuljahr zeigen. Anthropic will dort vor allem das Wohlbefinden und die Praxis der Lehrkräfte untersuchen. Eine Ausweitung über die USA hinaus hat das Unternehmen bislang nicht angekündigt. Das Programm ist eng an US-Standards gekoppelt und damit nicht ohne Weiteres auf andere Länder übertragbar.
Quellen
- Introducing Claude for Teachers (Anthropic)
- Anthropic launches Claude for Teachers in AI race to influence America’s classrooms (Chalkbeat)
- Anthropic Introduces Claude for Teachers (EdSurge)
- Anthropic Launches AI For Teachers (Forbes)
- Anthropic Launches Free Claude for Teachers, Sending Stride Shares Down 5.6% (BigGo Finance)
- OpenAI: A free version of ChatGPT built for teachers
- OpenAI rolls out ‚ChatGPT for Teachers‘ for K-12 educators and districts (CNBC)
- Learning Commons provides key educational infrastructure for Anthropic’s Claude for Teachers (learningcommons.org)
- Utah State brings Gemini for Education to all K-12 schools (Google)
