DeepSeek hat ein eigenes Agenten-Framework veröffentlicht und greift damit Claude Code und Codex an. Das Werkzeug heißt DeepSeek Harness und steht seit dem 13. August unter der MIT-Lizenz auf GitHub. Ein Harness ist die Software-Schicht zwischen KI-Modell, Werkzeugen und Dateisystem. Sie steuert, in welcher Reihenfolge ein Agent seine Schritte abarbeitet. Das Repository kam in weniger als zwei Tagen auf über 100.000 GitHub-Stars. Am Dienstag standen dort rund 155.000 Stars und 16.000 Forks. Im Vergleich mit Claude Code und Codex fällt das Urteil durchwachsen aus, bei der Lizenz dagegen eindeutig.
Was DeepSeek Harness kann und wo Claude Code gleichzieht
Unter dem Motto „Everything is a plugin“ ist im DeepSeek Harness jede Komponente austauschbar. Modelle, Tools, Skills, Sessions, Sandboxes, Dateisysteme, Agent-Loop und Oberfläche sind als Plugins umgesetzt. Eine Sandbox ist eine abgeschottete Umgebung, in der Code ohne Zugriff auf das übrige System läuft. Technische Basis ist das Meta-Framework Cordis, dessen Aufbau ein wissenschaftliches Paper beschreibt. Der Harness von DeepSeek kennt vier Betriebsmodi. Der Standardmodus arbeitet als vollwertiger Coding-Agent, der Code Mode wickelt mehrstufige Abläufe über ein TypeScript-SDK ab. Ein Minimalmodus mit nur zwei Werkzeugen dient dem Benchmarking, im Creator Mode können Entwickler die laufende Runtime beobachten und neue Plugins erproben.
Jeder Schritt des Modells landet in einem fortlaufenden Session-Log. Das Protokoll wird nur ergänzt und nie überschrieben, es enthält auch System-Prompts und Tool-Aufrufe. Entwickler können diese Verläufe durchsuchen, forken und erneut abspielen. Installiert wird über npm, für Python gibt es ein eigenes SDK.
Die Funktionsliste des Claude Agent SDK sieht ähnlich aus. Anthropic dokumentiert eingebaute Werkzeuge, Hooks, Sessions, Berechtigungen, Skills, Plugins sowie Subagenten und MCP. Ein Subagent ist ein beauftragter Hilfs-Agent mit eigenem Kontext für eine Teilaufgabe. MCP steht für Model Context Protocol und regelt den Zugriff auf externe Werkzeuge und Datenquellen. Im Funktionsumfang liegen die beiden Systeme dicht beieinander. Der DeepSeek Harness kann Claude Code und Codex allerdings selbst als Subagenten aufrufen und wird so auch zur Orchestrierungsschicht über den Werkzeugen der Konkurrenz.
Die Lizenz trennt DeepSeek Harness von Claude Code
Der größte Unterschied liegt nicht in den Funktionen, sondern im Recht. Der DeepSeek Harness steht unter der MIT-Lizenz, er darf also frei kopiert, verändert und weitergegeben werden. Claude Code und das Claude Agent SDK unterliegen dagegen den Commercial Terms of Service von Anthropic. Der Quellcode von Claude Code liegt öffentlich auf GitHub, in der Lizenzdatei behält sich Anthropic aber alle Rechte vor. Forken, Verändern und Weitergeben sind nicht erlaubt, offene Einsicht ersetzt hier keine offene Lizenz. Anthropic untersagt Dritten zusätzlich, eigene Produkte wie Claude Code aussehen zu lassen.
OpenAI steht in dieser Frage näher an DeepSeek als Anthropic. Die Codex CLI erschien bereits im April 2025 als Open Source und trägt die Apache-2.0-Lizenz. Das separate OpenAI Agents SDK ist laut Fachberichten MIT-lizenziert und anbieterunabhängig ausgelegt. Dieselben Berichte nennen aber eine Einschränkung, denn gehostete Werkzeuge binden den Nutzer weiterhin an die OpenAI-Plattform.
Auch die Offenheit des DeepSeek Harness hat eine Grenze. DeepSeek nimmt für den Kern-Code derzeit keine externen Pull Requests an. Wer beitragen will, wird auf Diskussionen und den Bau eigener Plugins verwiesen. Die MIT-Lizenz sichert hier die Nutzung, nicht die Mitsprache bei der Kernentwicklung. Wie heikel das Thema Quellcode für Anthropic ist, zeigte ein Vorfall im März 2026. Eine fehlerhafte Paketkonfiguration bei npm legte rund 512.000 Zeilen Claude-Code-Quelltext offen und löste Nachbauten in der Community aus.
Wo DeepSeek Harness beim Ökosystem und bei den Modellen steht
Beim Ökosystem ist die Lage schwerer zu greifen. Für den Harness von DeepSeek meldet das Wirtschaftsportal ad-hoc-news rund 300 Plugins aus der frühen Testphase. Ein von der Community gepflegter Katalog verzeichnet inzwischen mehr als tausend Einträge. Beide Angaben beruhen auf unterschiedlichen Zählweisen, die Richtung ist aber klar. Anthropic pflegt ein offizielles Verzeichnis mit über 200 Plugins, die teils vom Hersteller selbst und teils von geprüften Partnern stammen. OpenAI setzt weniger auf Plugins als auf Integration in vorhandene Werkzeuge. Die Codex CLI läuft in VS Code, Cursor und Windsurf sowie als Desktop- und Cloud-Version. Auf GitHub steht sie bei 106.600 Stars, der DeepSeek Harness liegt nach wenigen Tagen darüber.
Bei der Modellauswahl ist der Abstand am größten. Der Harness von DeepSeek lässt sich mit der hauseigenen API, mit Anthropic, OpenAI, AWS Bedrock, Google Vertex und Azure betreiben. Auch jeder eigene Endpunkt mit OpenAI-kompatibler Schnittstelle funktioniert, ad-hoc-news nennt über 40 Anbieter. Anthropic beschreibt sein SDK in der Dokumentation durchgehend als Werkzeug für Claude-Modelle, andere Anbieter kommen dort nicht vor. Die Codex CLI setzt ein ChatGPT-Abo oder einen API-Key von OpenAI voraus. Wer Wert auf freie Modellwahl legt, findet sie derzeit am ehesten beim DeepSeek Harness.
Entwickler loben das Konzept, die Benchmark-Zahlen wecken Zweifel
Die erste Resonanz aus der Entwicklerszene fiel überwiegend positiv aus. Armin Ronacher, Mitgründer von Earendil, hält den DeepSeek Harness nicht für perfekt. Zum ersten Mal sehe er in diesem Feld etwas Neues, das ihn eigene Entscheidungen überdenken lasse, sagte er sinngemäß gegenüber The Register.
Bei den Leistungszahlen wird die Beleglage dünn. DeepSeek meldet für V4-Pro 80,6 Prozent im Benchmark SWE-bench Verified, geprüft hat das bisher niemand. Der Hersteller nennt außerdem einen Sprung von 12,8 auf 62,7 Punkte im DeepSWE-Benchmark. Ein unabhängiger Test von yage.ai kam für eine Vorabversion dagegen auf 8 Prozent. Die Lücke zwischen Hersteller- und Fremdmessung ist gewaltig und bislang unerklärt. Das eigene Benchmark-Harness für die Agententests hält DeepSeek unter Verschluss. Im Artificial Analysis Intelligence Index liegt V4-Pro bei 53 Punkten, Claude Opus 5 bei 63.
Parallel hat DeepSeek die API-Preise angehoben und seit dem 16. August gilt ein Preismodell mit Peak- und Off-Peak-Fenstern nach dem Vorbild von Stromtarifen. Je nach Modell, Token-Art und Uhrzeit reicht die Erhöhung von 50 bis über 1.100 Prozent. Günstiger als Claude bleibt der Anbieter laut ghacks trotzdem.
Was der Vergleich für Unternehmen bedeutet
Für Entscheider ist die Lizenz der belastbarste Punkt dieses Vergleichs. Benchmark-Ergebnisse lassen sich revidieren, Plugin-Zahlen schwanken je nach Zählweise. Eine MIT-Lizenz dagegen ändert sich nicht, sie erlaubt Prüfung, Anpassung und Betrieb im eigenen Haus. Wer Agenten in regulierten Prozessen einsetzt, braucht genau diese Rechte. Wer Support, Modellqualität und ein fertiges Produkt höher gewichtet, fährt mit Anthropic oder OpenAI weiter gut.
Der Datenschutz ist getrennt vom Werkzeug zu betrachten. Bei gehosteten DeepSeek-Diensten liegen die Daten auf Servern in China und unterliegen chinesischem Recht. Italien sperrte die DeepSeek-App 2025 wegen Datenschutzbedenken. Der Harness selbst lässt sich auch ohne die DeepSeek-API betreiben. Wer nur Modelle von Anthropic oder OpenAI anbindet, koppelt das Werkzeug von dieser Frage ab. Die Open-Source-Ausnahme im EU AI Act betrifft ohnehin die Modelle, nicht das Orchestrierungswerkzeug.
Für den Produktivbetrieb ist der DeepSeek Harness heute noch nicht reif, weil Version 0.1 den Status Developer Preview trägt. Das ist eine frühe Testversion mit häufigen Änderungen und ohne Zusage für den Dauerbetrieb. Ein Test in einem kleinen Projekt lohnt sich trotzdem, denn der Aufwand bleibt gering.
Wohin sich der Markt für Coding-Agenten bewegt
Der Vergleich endet nicht mit einem klaren Sieger. Bei den Funktionen liegen der DeepSeek Harness und das Claude Agent SDK etwa gleichauf. Beim Ökosystem hat Anthropic den Vorsprung der geprüften Qualität, DeepSeek den der Masse. Bei der Modellauswahl und bei der Lizenz gewinnt der Harness von DeepSeek deutlich. Offen bleibt, ob die Herstellerwerte des Modells einer unabhängigen Prüfung standhalten. Ebenso offen ist, wie lange ein Projekt ohne externe Pull Requests sein Tempo hält. Für die eigene Planung heißt das vor allem, die Abhängigkeit vom Anbieter bewusst zu wählen. Wer heute einen Coding-Agenten fest verdrahtet, bindet sich für Jahre an ein Modell. Eine austauschbare Schicht darüber kostet Aufwand, erhält aber Handlungsspielraum.
Quellen
- deepseek-ai/deepseek-harness (GitHub-Repo)
- DeepSeek API Docs — DeepSeek-V4-Pro GA Release
- Claude Agent SDK Overview (Anthropic, offizielle Doku)
- openai/codex (GitHub-Repo, OpenAI offiziell)
- VentureBeat — DeepSeek Harness launches as open source rival to Claude Code, alongside V4-Pro on API with higher prices
- ghacks.net — DeepSeek Releases V4 Pro With Higher Benchmarks, Open-Source Tooling, and Upcoming Price Increases
- MarkTechPost — DeepSeek AI Releases DeepSeek Harness in Developer Preview
- The Register — DeepSeek’s innovative harness treats everything as a plug-in
- ad-hoc-news.de — KI-Agenten: DeepSeek startet Harness-Plattform mit 27.500 Stars
- Unite.AI — DeepSeek Ships V4 Pro as Its Flagship Model Leaves Preview
- TechTarget — Does using DeepSeek create security risks?
- EU AI Act — Artikel 53: Obligations for Providers of General-Purpose AI Models
- European Commission — Guidelines for providers of general-purpose AI models
