Infografik zu Valar Atomics: kompakte Kernreaktoren als Stromquelle für KI-Rechenzentren, Series B über eine Milliarde Dollar unter Führung von Sequoia Capital

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Kernkraft für KI-Rechenzentren: Valar Atomics holt Milliarde

Der Kapitalmarkt hat den Engpass des KI-Ausbaus entdeckt. Das US-Start-up Valar Atomics hat am 3. August unter Führung von Sequoia Capital eine Series B über eine Milliarde Dollar abgeschlossen. Hinzu kommt eine separate Kreditlinie über 200 Millionen Dollar. Valar baut kompakte Kernreaktoren und verspricht Kernkraft für KI-Rechenzentren direkt vor Ort. Die Bewertung des Unternehmens liegt nach übereinstimmenden Medienberichten bei sechs Milliarden Dollar.

Eine Milliarde Dollar und eine verdreifachte Bewertung

Eine Series B ist die dritte große externe Finanzierungsrunde eines Start-ups, nach Seed und Series A. Bei Valar Atomics kamen dabei eine Milliarde Dollar Eigenkapital zusammen. Zu den Investoren zählen unter anderem Point72, Valor Equity Partners, Atreides Management, Riot Ventures und HOF Capital. Die Kreditlinie verwaltet die Erebor Bank als federführendes Institut, J.P. Morgan wirkt als Co-Agent. Sequoia-Partner Shaun Maguire erhält einen Sitz im Verwaltungsrat von Valar.

Der Sprung bei der Bewertung fällt kräftig aus. Im Frühjahr 2026 sammelte Valar 450 Millionen Dollar ein. Die Bewertung lag danach bei rund zwei Milliarden Dollar. Davor stand eine Seed-Runde über 19 Millionen Dollar im Februar 2025. Im November 2025 folgte eine Series A über 130 Millionen Dollar. Isaiah Taylor gründete das Unternehmen erst 2023. Taylor, Jahrgang 1999, verließ mit 16 Jahren die Schule und arbeitete danach als Programmierer. Als Chief Nuclear Officer holte er Mark Mitchell ins Unternehmen, den früheren Präsidenten der Ultra Safe Nuclear Corporation.

Vom Testkörper zur Kritikalität: der Reaktor in Utah

Valar entwickelt heliumgekühlte Hochtemperatur-Gasreaktoren, kurz HTGR. Dieser Reaktortyp wird mit Gas statt mit Wasser gekühlt und erreicht dadurch höhere Betriebstemperaturen. Als Brennstoff dient TRISO, also mehrfach ummantelte Brennstoffpartikel, die als besonders unfallsicher gelten. Die Reaktoren sollen nicht einzeln auf Baustellen entstehen, sondern in Serie aus der Fabrik kommen.

Den ersten Testkörper nannte Valar „Ward Zero“. Der Aufbau war nicht nuklear und enthielt Siliziumkarbid statt Uran im Kern. Der Nachfolger „Ward 250″ erreichte am 18. Juni 2026 im Utah San Rafael Energy Lab erstmals Kritikalität. Kritikalität bezeichnet den Zustand, in dem sich die Kernspaltung ohne äußeren Anstoß selbst trägt. Der Versuch lief als Zero-Power-Test, also bei sehr geringer Leistung. Am 22. Juni folgte ein Leistungshochlauf auf zehn Kilowatt thermisch.

Ward 250 lief unter dem Reactor Pilot Program des US-Energieministeriums, nicht unter einer vollständigen Genehmigung der Atomaufsicht NRC. Das Programm erlaubt ausgewählten Firmen Testreaktoren außerhalb des regulären Genehmigungsverfahrens. Für den Verkauf von Strom an Endkunden benötigt Valar dagegen eine reguläre Genehmigung der NRC. Nach Angaben des Energieministeriums war Ward 250 der zweite Reaktor neuer Bauart, der unter diesem Programm Kritikalität erreichte. Es war der erste außerhalb eines nationalen Labors.

Kernkraft für KI-Rechenzentren: der Wettlauf der Hyperscaler

Kurz nach der Kritikalität führte Valar nach eigenen Angaben vor, wie der Reaktor einen Nvidia-Blackwell-Chip mit Strom versorgt und damit eine Website betreibt. Das Unternehmen wertet den Versuch als erste direkte Stromversorgung von KI-Infrastruktur durch einen Reaktor neuer Bauart. Als nächsten Schritt planen Valar und Nvidia eine AI Factory mit 30 Megawatt in Utah. AI Factory ist der Begriff von Nvidia für ein Rechenzentrum, das ganz auf das Training und den laufenden Betrieb von KI-Modellen ausgelegt ist. Die Anlage soll ohne Wasserkühlung in einem geschlossenen Kreislauf arbeiten. Valar beziffert den eigenen Wasserverbrauch auf wenige hundert Gallonen. Branchenüblich seien nach Angaben des Unternehmens rund 2,6 Millionen Gallonen je Megawatt und Jahr. Diese Zahl stammt von Valar selbst. Unabhängig geprüft ist sie nicht.

Der Markt, auf den Valar zielt, wächst tatsächlich. Die Internationale Energieagentur beziffert den weltweiten Stromverbrauch von Rechenzentren für 2024 auf 460 Terawattstunden. Bis 2030 erwartet sie einen Anstieg auf über 1.000 Terawattstunden, bis 2035 auf 1.300 Terawattstunden. Am schnellsten wachsen dabei die erneuerbaren Energien mit durchschnittlich 22 Prozent pro Jahr bis 2030. US-Technologiekonzerne planen laut IEA die Finanzierung von mehr als 20 Gigawatt Leistung aus Small Modular Reactors. Ein Small Modular Reactor, kurz SMR, ist ein kompakter, fabrikgefertigter Kernreaktor mit vergleichsweise geringer Leistung.

Alle großen Hyperscaler haben inzwischen mindestens einen Vertrag über Kernkraft unterschrieben. Gemeint sind die Konzerne mit den größten Rechenzentren der Welt. Im Mai 2026 summierten sich die angekündigten Projekte auf mehr als 9,8 Gigawatt. Microsoft sicherte sich für 20 Jahre 835 Megawatt aus dem reaktivierten Kraftwerk Three Mile Island. Meta bündelte Verträge mit Vistra, Oklo und TerraPower über bis zu 6,6 Gigawatt bis zum Jahr 2035. Google sicherte sich 500 Megawatt bei Kairos Power, Amazon investierte 700 Millionen Dollar in X-energy.

Nuklearfachleute widersprechen den Sicherheitsaussagen

Die Kritik an Valar ist älter als die Finanzierungsrunde und sie kommt aus der Fachwelt. Anna Erickson ist Professorin für Nuklear- und Strahlungstechnik am Georgia Institute of Technology. Sie hielt den frühen Sicherheitsversprechen der Firma entgegen, man könne eine Reaktorkonstruktion nicht ohne Ingenieurarbeit für sicher erklären. Das sei keine Zauberei, sondern Technik, sagte sie sinngemäß gegenüber dem Utah Investigative Journalism Project. Sie wies damals zudem darauf hin, dass Valar anders als andere Start-ups keinen Reaktorentwurf zur Prüfung bei der NRC eingereicht hatte.

Der Nuklearingenieur Nick Touran widersprach öffentlich der Aussage von Valar, abgebrannter Brennstoff lasse sich nach kurzer Zeit gefahrlos in die Hand nehmen. Nach seiner Rechnung liefert eine solche Menge binnen Sekunden eine tödliche Strahlendosis. Katy Huff, früher leitende Beamtin im US-Energieministerium, bewertete auch den Kritikalitätstest zurückhaltend. Ein Zero-Power-Test sei auch ohne echten technischen Fortschritt zu schaffen. Den ursprünglichen Zeitplan von Valar für den vollen Testbetrieb nannte sie extrem ehrgeizig. In der Branche vergehen bis zur Kritikalität üblicherweise rund zwei Jahre.

Auch der Analyst Holger Mueller von Constellation Research bleibt vorsichtig. Die Nachfrage nach Energie sei zweifellos vorhanden, sagte Mueller sinngemäß gegenüber SiliconANGLE. Bei der Kernenergie seien langfristig aber viele Fragen offen. Dass sich kleine Reaktoren in Serie bauen lassen, sei bislang nicht bewiesen. Hinzu kommt eine Doppelrolle: Valar klagt seit April 2025 gemeinsam mit fünf US-Bundesstaaten sowie den Firmen Last Energy und Deep Fission gegen die NRC. Die Kläger halten es für unzulässig, dass die Behörde auch leistungsschwache Testreaktoren dem vollen Verfahren unterwirft. Anfang 2026 war der Streit weiter offen. Ein Unternehmen, das seine Aufsicht verklagt und selbst unter einer Ausnahmegenehmigung baut, muss sich an dieser Doppelrolle messen lassen.

Kernkraft für KI-Rechenzentren: Was Entscheider jetzt prüfen sollten

Für Entscheider ist die Runde weniger eine Nachricht über Kernkraft als über Infrastruktur. Wer heute KI-Kapazität einkauft, konkurriert nicht mehr nur um Rechenchips, sondern um Netzanschlüsse und Strom. Sequoia setzt nach Medienberichten darauf, dass Partnerschaften zwischen Reaktorbauern und Hyperscalern zum entscheidenden Wettbewerbsvorteil der KI-Infrastruktur werden. Diese These ist plausibel, aber sie ist unbewiesen. Außerhalb Chinas und Russlands ist derzeit kein SMR kommerziell in Betrieb.

Praktisch folgt daraus zweierlei. Erstens gehört die Stromfrage ausdrücklich in die Preis- und Kapazitätsannahmen von Cloud- und Rechenzentrumsverträgen, statt sie dem Anbieter zu überlassen. Zweitens sind Zeitpläne von Reaktor-Start-ups eine Option, keine Planungsgrundlage. Zwischen einem Kritikalitätstest im Kilowattbereich und einer Serienfertigung liegen Genehmigungen, Brennstofflieferketten und Fertigungskapazität.

Der Brennstoff ist die nächste Hürde. Das US-Energieministerium hat Valar vorläufig für das Fuel Line Pilot Program ausgewählt, das eine eigene Brennstofffertigung ermöglichen soll. Die Lieferketten für HALEU und TRISO entstehen in den USA erst. HALEU bezeichnet höher angereichertes Uran mit fünf bis zwanzig Prozent Anreicherung, das viele neue Reaktortypen benötigen. Ohne diesen Brennstoff bleibt jede Serienfertigung Theorie.

Taylor beschreibt das Ziel der Runde als Schritt vom funktionierenden Reaktorsystem zum Bau vieler Reaktoren in Serie. Der nächste überprüfbare Schritt ist die 30-Megawatt-Anlage mit Nvidia in Utah. Offen bleibt auch der Ausgang des Verfahrens gegen die NRC. Beides wird über den Wert von sechs Milliarden Dollar mehr aussagen als jede weitere Finanzierungsrunde.

Quellen