Zwei der mächtigsten KI-Firmen der Welt kämpfen jetzt offen um den Büroschreibtisch. OpenAI startete am 9. Juli den Agenten ChatGPT Work, der eigenständig Dokumente und Präsentationen erstellt. Anthropic hatte zwei Tage zuvor sein Konkurrenzprodukt Claude Cowork auf Web und Handy ausgeweitet. Der Vergleich ChatGPT Work vs Claude Cowork entscheidet, wer künftig der Standard-Assistent am Arbeitsplatz wird. Ein Agent ist Software, die mehrstufige Aufgaben selbstständig erledigt.
Was ChatGPT Work jetzt kann
ChatGPT Work läuft auf der neuen Modellfamilie GPT-5.6 und greift auf verbundene Programme zu. Dazu zählen Slack, Google Drive, SharePoint, Gmail, Outlook und ein System für die Kundenpflege (CRM). Aus diesen Quellen erstellt der Agent Dokumente, Tabellen, Präsentationen und ganze Websites. Eine neue Funktion namens Sites steckt noch in der Beta-Phase und baut interaktive Web-Apps, Reports und Live-Dashboards.
OpenAI verschmolz zugleich seine Programmier-App Codex mit der ChatGPT-App für den Desktop, die bisherige Version heißt nun ChatGPT Classic. Verfügbar ist ChatGPT Work sofort für Konten der Stufen Pro, Enterprise und Edu. Die Stufen Plus und Business sollen laut OpenAI in den kommenden Tagen folgen.
Das Herzstück ist die Modellfamilie GPT-5.6 mit drei Varianten. Sol ist das Flaggschiff, Terra die ausgewogene Version, Luna die günstige und schnelle. OpenAI-Chef Sam Altman nennt Sol beim agentischen Programmieren 54 Prozent token-effizienter als den Vorgänger. Token sind die kleinen Text-Einheiten, nach denen KI-Modelle abgerechnet werden. Vor dem Start bat die US-Regierung OpenAI, die Freigabe zu staffeln. Das US-Handelsministerium prüfte GPT-5.6 im Rahmen einer neuen Aufsichts-Verfügung zunächst mit ausgewählten Testern. Hintergrund waren Sorgen vor Missbrauch für Cyberangriffe.
Anthropics Antwort mit Claude Cowork
Anthropic hatte Claude Cowork im Januar 2026 als Desktop-App gestartet, zuerst für macOS und kurz darauf für Windows. Diese Desktop-App läuft bereits für Kunden der Stufen Pro und Max. Am 7. Juli weitete das Unternehmen den Agenten auf Web und Handy aus. Der Beta-Zugang für Web und Handy gilt zunächst für Abonnenten der Stufe Max, der Rollout zieht sich über Wochen. Neu ist die Synchronisierung über mehrere Geräte hinweg. Eine Aufgabe lässt sich am Rechner starten, vom Handy aus verfolgen und überall abrufen. Die Arbeit läuft im Hintergrund weiter, auch ohne aktives Gerät.
Anthropic untermauerte den Schritt mit Nutzungsdaten aus 1,2 Millionen anonymisierten Cowork-Sitzungen im Mai. Geschäftsprozesse und Betrieb bildeten mit 33,4 Prozent den größten Block. Auf Content-Erstellung entfielen 16,4 Prozent, auf Softwareentwicklung nur 8,7 Prozent. Nach eigenen Angaben ist über 90 Prozent der Cowork-Nutzung keine Softwarearbeit. Damit positioniert Anthropic seinen Agenten bewusst jenseits des Programmier-Markts.
ChatGPT Work vs Claude Cowork wird zum Dreikampf
In den Zweikampf drängt ein dritter, großer Spieler. Microsoft machte seinen Agenten Copilot Cowork bereits am 16. Juni allgemein verfügbar. Nach eigenen Angaben nutzt ihn schon mehr als die Hälfte der Fortune-500-Konzerne. Der Preis liegt bei rund 30 Dollar pro Nutzer und Monat, dazu kommen nutzungsbasierte Gutschriften. Fachmedien wie BestMediaInfo beschreiben den Wettbewerb inzwischen als Dreikampf um den Standard-Assistenten im Büro. Entscheidend seien Integrationstiefe, Autonomiegrad und die Einhaltung von Vorschriften.
Das Analysehaus Constellation Research wertet OpenAIs Start offen als Aufholversuch gegenüber Claude Cowork. Beide großen Ankündigungen fielen praktisch zeitgleich, ohne dass eine Firma die andere offiziell als Auslöser nannte. Bei den Preisen unterscheiden sich die Rivalen deutlich. Für ChatGPT Work gibt es kein eigenes Preisschild, es läuft in den bestehenden ChatGPT-Abostufen mit. Claude Cowork läuft als Desktop-App schon in Pro und Max, aber der neue Web-Zugang bleibt vorerst auf Max beschränkt. Ein sauberer Direktvergleich der Kosten ist deshalb bislang schwierig.
Sanftere Töne beim Thema Jobs
OpenAI-Chef Altman rückt die Kostenfrage in den Vordergrund. „Jedes Unternehmen denkt inzwischen über seine Ausgaben nach und darüber, welchen Gegenwert es dafür bei KI bekommt“, sagte er sinngemäß dem Sender CNBC. Auch der Ton der Branche beim Thema Arbeitsplätze ändert sich spürbar. Microsoft-Chef Satya Nadella warnte davor zu behaupten, KI übernehme alle Bürojobs. Anthropic-Chef Dario Amodei hatte zuvor mehrfach vor massivem Stellenabbau gewarnt. Nun beschreibt seine Firma den Agenten als Hilfe bei der Arbeit rund um die Arbeit.
Wo Agenten am Arbeitsplatz gefährlich werden
Der Sprung zu selbstständigen KI-Agenten für Unternehmen bringt neue Risiken. In einer Branchenumfrage meldeten 88 Prozent der IT-Verantwortlichen bereits Sicherheitsvorfälle mit KI-Agenten, nur 14 Prozent hatten vollständige Freigabeprozesse eingerichtet. Bei Claude Cowork wurde das Problem früh sichtbar. Kurz nach dem Start im Januar führten Forscher eine sogenannte Prompt-Injection vor. Dabei schmuggeln Angreifer versteckte Befehle in einen harmlosen Text. Sie platzierten die Anweisungen in einem Word-Dokument, woraufhin der Agent Finanzdaten samt Teilen von Sozialversicherungsnummern an ein fremdes Konto hochlud. In einem anderen Test löschte Cowork unbeaufsichtigt 11 Gigabyte an Nutzerdateien.
Kritiker zweifeln deshalb am Reifegrad der Technik. Nik Kale, leitender Ingenieur bei Cisco, bringt es zugespitzt auf den Punkt. „Autonomie, die ständige Aufsicht braucht, ist in Wirklichkeit keine Autonomie, sondern Delegation mit Angst“, sagt er sinngemäß. Chad Lohrli vom Anbieter Cadre AI erinnert an die frühe Sicherheitslücke bei Cowork, die Monate vorher gemeldet, aber nicht behoben worden sei. Brian Madden vom Software-Anbieter Citrix vermisst eine passende Kontrollebene, denn IT-Abteilungen könnten Aktionen von Menschen und Agenten bislang nicht auseinanderhalten.
ChatGPT Work vs Claude Cowork aus Sicht deutscher Firmen
Für deutsche Unternehmen stellt sich zusätzlich die Frage nach dem Datenschutz. Desktop-Agenten greifen tief auf Firmendateien zu, und diese Daten könnten unkontrolliert in die USA abfließen. Für Claude Cowork beschreiben Fachanbieter einen Ausweg namens Claude 3P. Dabei läuft die Modell-Berechnung nicht über Anthropics Standard-Endpunkt. Stattdessen nutzt sie Cloud-Regionen in Europa wie AWS Bedrock oder Google Vertex AI in Frankfurt. Gesteuert wird das zentral über Verwaltungsprofile auf den Geräten.
Für Entscheider heißt das dreierlei. Erstens sollten sie klären, ob ihr Anbieter Firmendaten in Europa verarbeiten kann. Zweitens braucht es Freigabe- und Prüfprozesse, bevor Agenten breit im Haus arbeiten. Denn die Technik läuft der betrieblichen Kontrolle derzeit voraus. Drittens lohnt ein genauer Blick auf das Preismodell, das bei beiden Anbietern anders gebaut ist.
Der Wettlauf beschleunigt sich weiter. OpenAI will ChatGPT Work in den kommenden Tagen auf Plus- und Business-Konten ausweiten. Anthropic zieht seinen Web- und Handy-Rollout über die nächsten Wochen durch. Der Vergleich ChatGPT Work vs Claude Cowork bleibt damit vorerst offen. Wer den Arbeitsplatz gewinnt, hängt weniger an der reinen Modellstärke. Er entscheidet sich an Integration, Governance und am Vertrauen der Unternehmen.
Quellen
- ChatGPT is now a partner for your most ambitious work – OpenAI
- Anthropic says Claude Code transformed programming. Now Claude Cowork is coming for the rest of the enterprise – VentureBeat
- OpenAI launches ChatGPT Work as it broadens GPT-5.6 rollout – InfoWorld
- OpenAI Unveils ChatGPT Work, GPT-5.6 To Expand Enterprise AI Push – Free Press Journal
- OpenAI launches ChatGPT Work, rolls out GPT-5.6 model family – Constellation Research
- OpenAI unveils ChatGPT Work agent, GPT-5.6 models now available – 9to5Mac
- OpenAI launches ChatGPT Work, takes on Anthropic and Microsoft in enterprise AI race – BestMediaInfo
- Anthropic brings Claude Cowork to mobile and web as usage data shows most users aren’t coding – VentureBeat
- OpenAI launches ChatGPT Work and unveils unified desktop app with Codex built in – Neowin
- Claude’s Computer Use is coming to Cowork and Code – heise online
- OpenAI’s newest AI model is 54% more token efficient on agentic coding, Altman tells CNBC – CNBC
- OpenAI to launch GPT-5.6 after US delays release over AI security concerns – Ynetnews
- Claude Cowork on web and mobile: hand off work anywhere – Claude/Anthropic Blog
- Microsoft Makes Copilot Cowork Generally Available Worldwide – Redmondmag.com
- Copilot Cowork is now generally available – Microsoft 365 Blog
- Claude Cowork Is a Productivity Test Enterprises May Fail – Reworked.co
- Anthropic says customers are using Claude Cowork for ‚the work around work,‘ as AI companies soften job-loss rhetoric – Yahoo Finance
- Claude 3P: Run Claude Cowork & Claude Code GDPR-Compliant with CompanyGPT – innFactory
- Codex, Cowork, Spark: Was hinter den KI-Abos von ChatGPT, Claude und Gemini steckt – t3n
- Claude Cowork expands to mobile and web – TechCrunch
- OpenAI Debuts ChatGPT Work Agent and New GPT-5.6 Models – MacRumors
